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„Was machen Architekten in Zukunft?" – Eine Zeitreise ins Jahr 2029 und was die KI uns übrig lässt
Der Bauherr gibt seinen Bedarf selbst ein, die KI prüft Baurecht, Kosten und Technik in Sekunden und liefert den Entwurf gleich mit. Ein Szenario für 2029 – und die Frage, welche Arbeit dann noch bei uns Architektinnen und Architekten liegt.
Ein Kollege dreht seinen Bildschirm zu Dir. Er hat einer KI ein Grundstück, ein Raumprogramm und drei Sätze zur gewünschten Atmosphäre gegeben. Dreißig Sekunden später stehen vier Grundrissvarianten da, mit Flächenaufstellung. Er grinst, aber nicht ganz entspannt. „Und wofür brauchen die uns dann noch?”
Kennst Du diese Szene, oder zumindest das Gefühl dahinter? Die Frage ist berechtigt, und ich finde, wir sollten sie ernster nehmen als mit einem Witz. Was machen Architekten in Zukunft, wenn eine Maschine schneller zeichnet, rechnet und Vorschriften prüft als wir?
Ich habe vor einiger Zeit versucht, die Frage für mich zu beantworten, und dazu ein Szenario aufgeschrieben. Es spielt im Jahr 2029.
Eine Zeitreise ins Jahr 2029
Wer bauen will, setzt sich an den Rechner oder nimmt das Smartphone. Ein intelligentes Abfragesystem führt ihn durch seinen Bedarf: Wie viele Menschen, welche Räume, welches Budget, welche Wünsche. Ein Architekt ist an diesem Gespräch nicht beteiligt.
Über eine digitale Identifikation erkennt das System, dass der Fragende Eigentümer des Grundstücks ist. Dann gleicht es die Liegenschaft mit allem ab, was gilt: Bebauungsplan, Bauordnung, Satzungen, Normen. In Sekundenbruchteilen liegt das gesamte Spektrum dessen vor, was dort gebaut werden darf. Passt der Bedarf nicht in diesen Rahmen, schlägt die KI Kompromisse vor. Kosten, Abläufe und Regelkonformität hat sie dabei stets abgesichert.
Danach entstehen Entwürfe. Verschiedene Geometrien, abgeleitet aus den Angaben des Bauherrn, begehbar am Bildschirm oder mit der VR-Brille. Gefällt etwas nicht, sagt der Bauherr es einfach, und die Änderung ist sofort eingearbeitet. Das Ergebnis wird kalkuliert und zur Bestellung aufbereitet.
Die Genehmigung läuft digital. Die Bautechnik prüft eine Maschine, und nur selten sind sich die Systeme uneins. Weil das Regelwerk automatisch abgearbeitet ist, kann sich die eigentliche Prüfung auf zwei Dinge konzentrieren: die Gestaltung und die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Dafür wird der Entwurf in ein digitales Umgebungsmodell gesetzt. Stadtplaner, Architekten, registrierte Fachleute und die Eigentümer der Nachbarschaft bewerten ihn. Nimmt er die Hürde, ist er genehmigt. Wenn nicht, wird nachgebessert, und die KI lernt, was an diesem Ort beim nächsten Mal sofort durchgeht.
Ausführungsplanung und Ausschreibung erledigt das System selbst. Anfragen an Handwerksbetriebe gehen automatisch raus, die Angebote werden automatisch ausgewertet, der Bauherr entscheidet. Gebaut wird noch konventionell, aber zunehmend mit vorgefertigten Modulen und lösbaren Verbindungen. Auf der Baustelle arbeiten echte Handwerker, begleitet von KI-gestützter Dokumentation und Ablaufsteuerung. Jedenfalls so lange, bis Roboter bezahlbar sind.
Wo bleibt in diesem Szenario der Architekt?
Lies die Zeitreise noch einmal und such uns darin. Du findest uns an genau zwei Stellen: im Bewertungsgremium und, ganz am Rand, auf der Baustelle.
Das ist unbequem, aber ehrlich. Bedarf aufnehmen, Baurecht prüfen, Varianten zeichnen, Kosten ermitteln, Ausschreibungen erstellen, Angebote vergleichen: Ein großer Teil dessen, was die Leistungsphasen 1 bis 5 heute füllt, sind Aufgaben, die nach Regeln ablaufen. Und alles, was nach Regeln abläuft, kann eine Maschine irgendwann schneller und fehlerfreier als wir.
Ob es 2029 wird oder 2035, ist dabei fast nebensächlich. Die Richtung ist klar, und sie trifft unseren Berufsstand härter als viele andere.
Warum uns das besonders trifft
Das liegt nicht daran, dass Architekten schlechter arbeiten würden als andere. Es liegt daran, wie wir ausgebildet werden und woran wir unsere Arbeit messen.
Im Studium lernen wir vor allem zeichnen, darstellen und präsentieren. Wie man mit Bauherren spricht, Konflikte moderiert oder eine Baustelle führt, kommt kaum vor. Danach lernen die meisten von uns im Büro weiter, entlang dessen, was dort gerade gebraucht wird. Und gebraucht werden meist Pläne. Wir messen unseren Wert an dem, was man ausdrucken kann.
Mein eigener Weg sah so aus: Zuerst dachte ich, es geht um Gestaltung. Dann merkte ich, dass Gestaltung umsetzbar sein muss, also ging es um Technik. Dann kamen die Regeln, also Prozesse, Gesetze und Normen. Und irgendwann wurde mir klar, dass im Mittelpunkt der Mensch steht: Kommunikation, Führung, Psychologie.
Die KI übernimmt diese Spirale von der Mitte her. Technik und Prozesse sind ihr Spielfeld. Wer seinen Wert vor allem dort sieht, steht 2029 im Wettbewerb mit einer Maschine. Gewinnen wird er ihn nicht.
Was die Maschine nicht übernimmt
Schau Dir das Szenario noch einmal an, diesmal mit der Frage, was die KI darin nicht kann. Drei Dinge fallen auf.
Sie versteht den Menschen nicht hinter dem, was er sagt. Das Abfragesystem nimmt den Bedarf so auf, wie der Bauherr ihn eingibt. Aber Bauherren sprechen in Lösungen. „Ich will einen offenen Wohnraum” ist ein Wunsch, kein Bedürfnis. Was dahintersteckt, findet man erst durch Nachfragen heraus, und manchmal ist es das Gegenteil dessen, was zuerst gesagt wurde. Wie groß der Unterschied sein kann, habe ich in „Ich will einen offenen Wohnraum” beschrieben. Eine Maschine, die perfekt liefert, was man ihr sagt, baut im Zweifel perfekt das Falsche.
Sie trägt keine Verantwortung für die Wirkung. Im Szenario prüft die Maschine die Regeln, über die Gestaltung urteilen Menschen. Das ist kein Zufall. Ob ein Gebäude seinem Ort guttut, ob es Menschen zusammenbringt oder trennt, ob es in dreißig Jahren noch jemand mag: Diese Fragen hat keine Norm beantwortet, und keine KI kann sie für uns entscheiden. Irgendjemand muss sie stellen, abwägen und dafür geradestehen.
Sie führt keine Menschen. Auf der Baustelle stehen auch 2029 Handwerker, Bauherren mit Sorgen, Nachbarn mit Einwänden. Die Software koordiniert Termine. Wenn der Polier und der Elektriker sich über eine Schlitzführung streiten, braucht es jemanden, der beide ernst nimmt und eine Entscheidung herbeiführt.
Eine KI beantwortet jede Frage, die man ihr stellt. Welche Frage gestellt werden muss, weiß sie nicht.
Was Architekten in Zukunft machen
Wenn ich die drei Punkte zusammennehme, ergibt sich eine Antwort, die mich eher beruhigt als beunruhigt. Architekten werden in Zukunft weniger zeichnen und mehr führen: im Gespräch mit dem Bauherrn, im Urteil über Gestaltung, im Zusammenspiel der Menschen auf der Baustelle.
Das ist eigentlich keine neue Rolle. Es ist die Rolle, die wir immer hatten und im Alltag zwischen Planköpfen und Normen oft aus den Augen verloren haben. Die KI nimmt uns die Arbeit ab, hinter der wir uns verstecken konnten.
Für Dich heißt das ganz praktisch:
Lerne fragen. Bedarfsplanung ist die Disziplin, die im Szenario am leichtesten wegautomatisiert aussieht und am schwersten zu ersetzen ist. Wer einem Bauherrn hilft, herauszufinden, was er wirklich braucht, macht etwas, das keine Eingabemaske kann. Genau darum geht es in meinem Seminar Bedarfsplanung.
Geh auf die Baustelle. Viele junge Kolleginnen und Kollegen erleben die Baustelle als fremdes Land. In der Zeitreise ist sie einer der letzten Orte, an denen Architekten unverzichtbar bleiben. Je früher Du dort sicher wirst, desto besser.
Übe Dein Urteil. Schau Dir Gebäude an und frag Dich, was sie mit den Menschen machen, die sie benutzen. Begründe Deine Meinung, auch vor Dir selbst. Urteilskraft entsteht durch Übung, und sie ist das, wofür Dich ein Bauherr in Zukunft bezahlt.
Nutze die KI als Werkzeug. In „Amazing Architect” habe ich geschrieben: Werkzeuge sind Diener und keine Herren. Das gilt für die KI genauso wie für CAD. Lass sie rechnen, prüfen und Varianten erzeugen. Die Entscheidung, welche Variante die richtige ist, bleibt bei Dir.
2029 ist nicht weit weg
Vielleicht kommt es anders, als ich es mir ausgemalt habe. Vielleicht langsamer, vielleicht schneller. Die Grundrisse auf dem Bildschirm Deines Kollegen gibt es jedenfalls schon heute.
Wenn er Dich das nächste Mal fragt, wofür sie uns dann noch brauchen, hast Du eine Antwort: für alles, was zwischen Menschen passiert, bevor der erste Strich gezeichnet wird und nachdem der letzte gezeichnet ist.