BlogKosten, Honorar und Wirtschaftlichkeit7 Min. Lesezeit
„Brotlose Künstler" – Warum vom Architektenberuf angeblich niemand leben kann
Architekt? Reich wirst Du damit nicht. Woher die Geschichte vom brotlosen Künstler kommt, was die Zahlen wirklich sagen, wie Dein Gehalt mit dem Honorar zusammenhängt und wo Dein eigener Hebel liegt.
Familienfeier, Kaffee und Kuchen. Irgendwann fragt jemand, was man als Architekt eigentlich verdient. Du nennst eine Zahl oder weichst aus, und dann kommt der Satz, den Du schon im ersten Semester gehört hast: „Na ja, reich wirst Du damit nicht.” Alle lachen. Du lachst mit.
Kennst Du das? Der Satz ist als Witz gemeint, und trotzdem bleibt etwas hängen. Vielleicht später am Abend, wenn Du an die Freundin denkst, die nach dem BWL-Studium schon die zweite Gehaltserhöhung bekommen hat. Haben die am Kaffeetisch am Ende recht?
Meine Sicht darauf: An dem Bild vom brotlosen Künstler ist etwas Wahres dran. Gefährlicher als die Zahlen ist aber, dass wir es selbst glauben. Wer überzeugt ist, dass sein Beruf brotlos ist, verhält sich auch so.
Was die Zahlen sagen
Fangen wir mit dem an, was sich belegen lässt. Der Nachwuchsreport 2023/24 von nexture+ hat 815 Studierende und Berufseinsteiger aus Architektur und den verwandten Planungsfächern befragt. Das mittlere Einstiegsgehalt liegt dort bei 36.000 Euro brutto im Jahr nach einem sechssemestrigen Bachelor und bei 39.000 Euro nach Master oder Diplom, gerechnet auf eine 40-Stunden-Woche. Gut die Hälfte der Berufseinsteiger ist damit unzufrieden.
Dieselbe Studie zeigt aber auch, wie weit die Spanne ist. Je nach Tätigkeitsfeld reicht das mittlere Gehalt von 38.900 bis 49.000 Euro. Das sind rund zehntausend Euro Unterschied im Jahr, und die hängen nicht am Talent, sondern daran, wo und woran jemand arbeitet.
Und noch eine Zahl gehört dazu: Gut sieben von zehn Befragten aus der Architektur empfinden ihren Beruf trotz allem als Traumberuf. Bescheidenes Gehalt und große Begeisterung, genau diese Mischung macht die Geschichte vom brotlosen Künstler so haltbar. Wer seinen Beruf liebt, fragt seltener, was er dafür bekommt.
Woher die Geschichte kommt
Dass sich das Bild so hartnäckig hält, liegt nicht daran, dass Architekten schlechter rechnen könnten als andere. Es hat Gründe, die tief im Beruf stecken.
Da ist zuerst das Selbstbild. Viele von uns sind Architektin oder Architekt geworden, weil sie etwas gestalten und ausdrücken wollten. In diesem Bild ist die Leidenschaft der eigentliche Lohn. Wer zu laut nach Geld fragt, steht schnell im Verdacht, den Beruf nicht wirklich zu lieben.
Dann das Studium. Nächte im Modellbauraum, Entwürfe, die man noch ein drittes Mal verbessert, weil es um die Sache geht. Im Nachwuchsreport sagen 80 Prozent, sie hätten während des Studiums nicht genug Freizeit gehabt, und fast die Hälfte hatte finanzielle Probleme. Wir lernen dort früh, dass gute Arbeit uns etwas kostet. Dass sie uns auch etwas einbringen sollte, lernen wir kaum.
Dazu kommt die Lücke zwischen Ausbildung und Praxis. Wer neu ins Büro kommt, beherrscht vieles noch nicht, womit ein Büro sein Geld verdient. Bauleitung, Ausschreibung und Vergabe, Projektsteuerung: Genau diese Felder nennen die Befragten am häufigsten, wenn es darum geht, worauf sie sich nicht gut vorbereitet fühlen. Das Büro bezahlt das Lernen in den ersten Jahren mit, und das Einstiegsgehalt spiegelt das wider.
Und schließlich das Schweigen. Fast vier von fünf Befragten arbeiten in Büros mit weniger als fünfzig Mitarbeitern. Mehr als die Hälfte hat ihr Gehalt noch nie verhandelt, gut vier von zehn wissen nicht, was ihre Kolleginnen und Kollegen verdienen. Ein Drittel hat Klauseln im Arbeitsvertrag, mit denen es sich unwohl fühlt und die der Report teils als arbeitsrechtlich unzulässig einordnet, bis hin zum Verbot, über das eigene Gehalt zu sprechen. Wo niemand über Geld redet, widerspricht auch niemand der Geschichte.
Dein Gehalt kommt aus dem Honorar
Jetzt der Teil, den im Studium fast niemand erklärt bekommt. Dein Gehalt zahlt nicht Dein Chef aus eigener Tasche. Es kommt aus den Honoraren der Projekte, an denen Du arbeitest. Und damit das Büro bestehen kann, muss mehr hereinkommen, als Du kostest.
Wie viel mehr, zeigt die Rechnung, mit der Büros ihren Stundensatz ermitteln. Dein Bruttogehalt plus Lohnnebenkosten wird durch die Stunden geteilt, die Du im Jahr tatsächlich arbeitest. Von gut 2.100 Jahresstunden bleiben nach Feiertagen und Urlaub ungefähr 1.800 übrig. Darauf kommen die Gemeinkosten: Miete, Software, Verwaltung, Akquise und alle Stunden, die keinem Projekt zugeordnet werden können. In den Kalkulationsunterlagen eines großen Planungsbüros, die ich kenne, lag dieser Zuschlag bei über 90 Prozent der Personalkosten. Der Stundensatz, den das Büro verlangen muss, ist damit ungefähr doppelt so hoch wie das, was Deine Stunde an Gehalt kostet.
Mit dieser Rechnung im Kopf wird klar, warum das Honorarsystem so direkt auf Dein Konto durchschlägt. Die HOAI bemisst das Honorar an den Baukosten, wie ich in „Tausend Euro für ein Blatt Papier?“ beschrieben habe. Ein großes, einfaches Projekt bringt deshalb oft mehr ein als ein kleines, an dem jemand mit viel Liebe zum Detail arbeitet. Und jede Stunde Nacharbeit, jede Änderung, die niemand vergütet, jede Variante, die keiner beauftragt hat, wird aus demselben Topf bezahlt, aus dem auch die Gehälter kommen.
Brotlos wird der Beruf deshalb seltener durch das Honorar selbst. Häufiger wird er es durch die vielen Stunden, die nirgends abgerechnet werden.
Ein Büro kann nur die Gehälter zahlen, die seine Projekte verdienen. Was ein Projekt verdient, entscheidet sich auch an Deinem Schreibtisch.
Wo Dein Hebel liegt
Die Strukturen ändert niemand allein und über Nacht. Es wäre aber zu bequem, es dabei zu belassen. Die Honorarordnung, die Normen, die Bauherren: Unsere Branche hat sich angewöhnt, die Verantwortung dafür immer bei anderen zu suchen. Ein paar Dinge kannst Du trotzdem selbst in die Hand nehmen.
Lerne, wie Dein Büro Geld verdient. Frag nach, welche Leistungsphasen beauftragt sind, wie Stunden erfasst werden und wie viel Zeit für Deine Aufgabe eingeplant ist. Wer weiß, was eine Aufgabe kosten darf, arbeitet anders. Und er hat im Gehaltsgespräch andere Argumente in der Hand.
Werde gut in dem, was knapp ist. Die Felder, auf die sich die meisten Berufseinsteiger nicht vorbereitet fühlen, sind dieselben, mit denen ein Büro Projekte sicher ins Ziel bringt. Wer auf der Baustelle, in der Ausschreibung oder in der Projektsteuerung sicher wird, ist schwer zu ersetzen. Nach meiner Erfahrung zeigt sich das früher oder später auch auf dem Konto. Dasselbe gilt für eine klare Stärke, für die man Dich gezielt anfragt, ohne dass Du deshalb den Blick fürs Ganze aufgeben musst.
Hör auf, dort gratis zu arbeiten, wo es niemandem nützt. Nicht jede unbezahlte Stunde ist Leidenschaft. Viele sind eine Entscheidung, die niemand rechtzeitig geklärt hat, oder eine Variante, die nur Du für nötig hältst. Wie Du solche Schleifen verkürzt, steht in „Schon wieder ändern”, und warum Überstunden in unserem Beruf so normal wirken, in „5 Stunden Schlaf sind Urlaub genug”.
Verhandle mit Wert, nicht mit Bitte. Im Gehaltsgespräch gilt dieselbe Mechanik wie im Honorargespräch mit dem Bauherrn. Wer aufzählt, wie viel er gearbeitet hat, klingt wie ein Bittsteller. Wer benennt, was er dem Büro abnimmt und was durch ihn möglich wird, führt ein anderes Gespräch.
Sprich über Geld. Mit Kolleginnen und Kollegen, in Deinem Netzwerk, bei der Kammer. Ein Gehalt ist kein Geheimnis, für das man sich schämen müsste. Je mehr wir voneinander wissen, desto schwerer lässt sich die Geschichte vom brotlosen Künstler aufrechterhalten.
Was ich selbst daraus gelernt habe
Ich war acht Jahre selbständig. Ich kenne Monate, in denen mir das Konto mehr Sorgen gemacht hat als jede Baustelle. Gelernt habe ich daraus nicht, dass unser Beruf brotlos ist. Gelernt habe ich, dass ich viel zu lange nicht gefragt habe, was meine Arbeit wert ist und wer sie bezahlt.
Geld ist kein schmutziges Thema. Ein gesichertes Einkommen ist die Voraussetzung dafür, dass Du gute Architektur machen kannst, statt jeden Auftrag annehmen zu müssen, der gerade kommt. Wer seinen Wert kennt, kann auch einmal Nein sagen.
Die Lücke zwischen Studium und Praxis, die so viele Einstiegsgehälter drückt, ist genau das Thema meines Mentorings Journey. Dort geht es um all das, was im Studium fehlt und im Büro trotzdem von Dir erwartet wird.
Brotlose Künstler? Das bleiben wir nur, solange wir die Geschichte selbst weitererzählen.