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„5 Stunden Schlaf sind Urlaub genug" – Warum Überstunden im Architektenberuf normal wirken und was Du trotzdem steuern kannst

Es ist kurz vor zehn, das Büro ist halb leer, und morgen ist Abgabe. Warum unbezahlte Überstunden in unserem Beruf als normal gelten, woher das kommt – und an welchen Stellen Du Deine Zeit zurückholen kannst, auch wenn sich die Branche nicht über Nacht ändert.

Es ist kurz vor zehn. Im Büro brennt noch an drei Arbeitsplätzen Licht, morgen früh geht der Bauantrag raus, und der Brandschutznachweis passt noch nicht zu den Grundrissen. Ein Kollege lehnt sich zurück, reibt sich die Augen und sagt: „Fünf Stunden Schlaf sind Urlaub genug.” Alle lachen. Dann arbeiten alle weiter.

Kennst Du diesen Satz? Oder einen seiner Verwandten: „Wer Architekt werden will, muss das abkönnen.” „Nach der Abgabe wird es ruhiger.” „In anderen Büros ist es noch schlimmer.” Sie klingen wie Witze, aber sie erfüllen eine Aufgabe: Sie machen aus einer Ausnahme eine Gewohnheit, über die man nicht mehr spricht.

Die Frage, die ich Dir hier stellen möchte, ist nicht, ob Überstunden manchmal nötig sind. Das sind sie. Die Frage ist: Wie viele Deiner Abende gehören eigentlich zum Projekt, und wie viele zu einem System, das niemand hinterfragt?

Ein Witz, der keiner mehr ist

Für den Nachwuchsreport 2023/24 hat das Netzwerk nexture+ in Kooperation mit Bundesarchitektenkammer, bdia und BDA 815 Studierende und Berufseinsteiger aus den Planungsberufen befragt. Die Zahlen zur Arbeitszeit sind nüchtern: 54 Prozent leisten regelmäßig Überstunden, im Schnitt 4,3 Stunden pro Woche. Rund 80 Prozent dieser Überstunden werden nicht bezahlt.

4,3 Stunden klingen nach wenig. Hochgerechnet ist das gut ein zusätzlicher Arbeitstag alle zwei Wochen, also mehr als zwanzig Arbeitstage im Jahr, für die in den meisten Fällen niemand bezahlt. Und das ist der Durchschnitt. In Abgabewochen sieht er anders aus, das weißt Du selbst.

Zwei weitere Werte aus derselben Befragung gehören dazu. Ein Drittel der Teilnehmenden hat Formulierungen im Arbeitsvertrag, mit denen sie sich unwohl fühlen, darunter ausdrücklich der Ausschluss jeder Überstundenvergütung. Und trotzdem empfinden über 70 Prozent der befragten Architektinnen und Architekten ihren Beruf weiterhin als Traumberuf. Genau diese Mischung ist der Kern des Problems.

Warum das in unserem Beruf so normal wirkt

Das liegt nicht daran, dass Architekten schlecht organisiert wären oder Büroinhaber grundsätzlich ausbeuten würden. Es hat Gründe, die tiefer in der Branche liegen.

Der erste beginnt im Studium. 80 Prozent der Befragten hatten dort nach eigener Aussage nicht ausreichend Freizeit, und unter den Gründen, nicht noch einmal Architektur zu studieren, tauchen Burnout und Schlafmangel auf. Die durchgearbeitete Nacht vor der Abgabe kennen die meisten von uns aus eigener Erfahrung. Wer so in den Beruf startet, hält den Zustand später für normal, weil er nie einen anderen erlebt hat.

Der zweite Grund ist die Identifikation. Wer seinen Beruf liebt, rechnet die Stunden nicht so genau nach. Ein Entwurf ist nie fertig, er wird nur abgegeben. Eine Stunde mehr macht ihn besser, also arbeitest Du sie. Diese Haltung ist ehrenwert, aber sie lässt sich leicht ausnutzen, auch ohne dass es jemand böse meint.

Der dritte Grund ist die Honorarlogik. Projekte werden über Stundenbudgets kalkuliert, die aus dem Honorar abgeleitet sind. Läuft ein Projekt aus dem Ruder, weil der Bauherr seine Meinung ändert oder ein Fachplaner zu spät liefert, steigt das Honorar meist nicht mit. Die Differenz fängt das Team auf, und zwar abends. Dazu kommt die Bürostruktur: 79 Prozent der Befragten arbeiten in Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden, mehr als die Hälfte hat keinen Betriebsrat. Wo niemand über Arbeitszeit verhandelt, regelt sie sich über Gewohnheit.

Überstunden sind meistens ein Symptom

Ich kenne diese Nächte selbst, und ich habe in „Amazing Architect” eine These dazu aufgeschrieben, die nicht jedem gefällt: Überstunden bedeuten in den meisten Fällen einen Mangel an Effizienz. Selten liegt es daran, dass die Arbeit zu viel ist. Viel häufiger ist das Ziel unklar, eine Entscheidung fehlt oder eine Zuarbeit kommt nicht rechtzeitig.

Das ist der Punkt, an dem Du ansetzen kannst. Mit Effizienz meine ich dabei nicht Dein Tempo am Bildschirm. Der Mangel sitzt fast immer davor: in der Frage, was genau bis wann fertig sein muss, wer was zuliefert und welche Festlegungen schon getroffen sind.

Dazu passt eine alte Beobachtung, das Parkinsonsche Gesetz: Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Wer abends offen hat, füllt den Abend. Wer „asap” als Frist akzeptiert, hat keine Frist, sondern einen Dauerzustand.

Eine Überstunde ist selten zu viel Arbeit. Meistens ist sie eine Frage, die niemand rechtzeitig gestellt hat.

Was Du trotzdem steuern kannst

Die Branche wird sich nicht ändern, weil Du heute pünktlich gehst. Aber Du hast mehr Einfluss auf Deine Abende, als die Witze im Büro vermuten lassen. Fünf Stellen, an denen Du anfangen kannst:

Mach Deine Zeit sichtbar. Schreib zwei Wochen lang auf, wofür Du Deine Stunden tatsächlich verwendest, auch die nach Feierabend. Das ist kein Beweismittel gegen Deinen Chef, es ist die Grundlage für ein Gespräch. Solange Überstunden niemand sieht, existieren sie für die Kalkulation nicht. Und Du wirst überrascht sein, wie viel davon auf wenige wiederkehrende Ursachen zurückgeht.

Kläre das Ergebnis, bevor Du anfängst. Bevor Du eine Aufgabe annimmst, frag nach, was am Ende vorliegen soll und bis wann. Noch besser: Formuliere es selbst. „Ich sorge dafür, dass die Grundrisse bis Donnerstag, 12 Uhr, mit dem Brandschutzkonzept abgestimmt sind.” Ein solcher Satz zwingt beide Seiten, über Umfang und Termin zu reden, solange noch Zeit dafür ist.

Trenne Arbeit von Nacharbeit. Ein großer Teil der späten Stunden entsteht, weil Pläne geändert werden müssen, deren Grundlage nie wirklich entschieden war. Diese Stunden sind nachgeholte Klärung. Wie Du diese Schleife erkennst und verkürzt, habe ich in „Schon wieder ändern” beschrieben.

Mach Wiederkehrendes einmal richtig. Frag Dich bei jeder Aufgabe, die Du zum zweiten Mal erledigst: Wie geht das beim nächsten Mal schneller? Kann ich das Ergebnis wiederverwenden? Könnte es auch ein Kollege ohne meine Erfahrung erledigen? Eine Detailsammlung, eine Vorlage für das Besprechungsprotokoll, ein Musterschreiben an die Baubehörde: Jedes davon spart Dir über die Jahre mehr Abende als jede durchgearbeitete Nacht.

Sprich über Vertrag und Geld. Mehr als die Hälfte der Befragten im Nachwuchsreport hat ihr Gehalt noch nie verhandelt. Lies nach, was Dein Arbeitsvertrag zu Überstunden sagt, und frag nach, wenn Dir etwas unklar ist. Ein Freizeitausgleich nach der Abgabe ist eine normale Vereinbarung zwischen Erwachsenen.

Warum das mit Führung zu tun hat

Vielleicht fällt Dir auf, dass fast alle fünf Punkte keine Zeitmanagement-Tricks sind. Es sind Fragen. Was genau soll fertig sein? Bis wann? Wer liefert was zu? Ist das entschieden oder nur gezeichnet? Wer diese Fragen stellt, bevor die Arbeit beginnt, nimmt das Projekt in die Hand. Das ist der Gedanke hinter „Wer fragt, der führt”, und er gilt für Deinen Feierabend genauso wie für das Gespräch mit dem Bauherrn.

Führen lernt man im Studium nicht. Man lernt es irgendwann nebenbei, meistens nach einigen Jahren mit zu vielen späten Abenden. Wenn Du den Weg abkürzen möchtest: Genau darum geht es in meinem Seminar Projektleitung – Projekte führen und gestalten.

Fünf Stunden Schlaf

Du wirst auch in Zukunft Abende im Büro verbringen. Manche Abgaben lassen sich nicht verschieben, und manchmal ist ein Projekt es wert. Der Unterschied liegt darin, ob Du diese Abende bewusst einsetzt oder ob sie Dir passieren, weil niemand rechtzeitig gefragt hat.

Fünf Stunden Schlaf sind kein Urlaub. Sie sind ein Kredit, und den zahlt am Ende Dein nächster Entwurf zurück.