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„Architektur ist nicht politisch" – Warum ein Gebäude keine Meinung hat

Neubauten werden als fortschrittlich oder reaktionär gelesen, Fassaden als Statement, Wettbewerbe als Richtungsentscheid. Warum die Politik bei den Menschen liegt und nicht im Bauwerk, und was das für Deine Rolle als Architektin oder Architekt ändert.

Du kennst die Debatten. Ein Neubau wird als reaktionär verrissen oder als fortschrittlich gefeiert. Eine Fassade gilt als Bekenntnis, ein Wettbewerbsergebnis als Richtungsentscheidung, die Frage, ob eine Altstadt rekonstruiert oder ein Betonbau der Nachkriegsmoderne erhalten wird, als Kulturkampf. Und wenn Du ehrlich bist, ertappst Du Dich dabei selbst: Du stehst vor einem Haus und bist dafür oder dagegen, als hätte das Haus eine Haltung, der man zustimmen oder widersprechen könnte.

Kann ein Gebäude eine Meinung haben?

Meine Antwort ist ein klares Nein. Architektur ist nicht politisch. Politisch sind die Menschen, die sie wollen, bezahlen, planen, bauen, nutzen und betreiben. Das Bauwerk selbst steht da und wirkt. Es vertritt nichts.

Was an Architektur politisch ist

Rund um ein Gebäude ist vieles politisch. Wer baut, wo, für wen, mit wessen Geld, auf wessen Grund und zu welchem Zweck: lauter Entscheidungen von Menschen mit Interessen. Ein Investor kann einen Turm als Zeichen von Macht meinen. Eine Kommune kann ein offenes Rathaus als Versprechen an ihre Bürger meinen. Ein Bauherr kann eine Bauform wählen, weil sie zu seinem Weltbild passt. Auch Du als Architektin oder Architekt triffst Entscheidungen, die von Überzeugungen getragen sind. Das ist legitim, und es ist unvermeidlich.

Nur ist das die Politik der Beteiligten, nicht die des Gebäudes. Die Absicht steckt in den Köpfen. Sobald das Haus steht, ist es aus dieser Absicht entlassen. Es kann sie nicht bestätigen und nicht verteidigen. Es hält keine Rede, es stimmt nicht ab, es widerspricht nicht.

Architektur widersetzt sich nicht

Man liest oft, Architektur werde ideologisch missbraucht. Ich halte das für einen Denkfehler. Nicht weil niemand ein Bauwerk instrumentalisieren würde, sondern weil das Bauwerk daran unbeteiligt ist. Was wir Missbrauch nennen, ist unsere eigene Sichtweise, die wir auf die Kulisse der Architektur projizieren. Ein Portikus ist ein Portikus. Ob er nach Demokratie aussieht, nach Imperium oder nach Provinzbank, entscheidet der, der ihn ansieht, mit allem, was er an Bildung, Erfahrung und Vorannahmen mitbringt.

Das ist keine Spitzfindigkeit. Es verschiebt, wer für die Deutung verantwortlich ist. Nicht die Säule trägt die Bedeutung. Wir tragen sie hinein.

Das gilt in beide Richtungen. Ein Bau, der als kühl und abweisend gescholten wird, kann für den, der täglich darin arbeitet, schlicht ruhig und verlässlich sein. Keine der beiden Lesarten ist die des Gebäudes. Es hat keine.

Wirkung ist keine Einbahnstraße

Architektur ist Ausdruck und Wirkung, eine indirekte Kommunikation zwischen denen, die bauen, und denen, die erleben. Kommunikation läuft nie nur in eine Richtung. Paul Watzlawick hat gesagt, wir können nicht nicht kommunizieren. Für Gebäude gilt dasselbe: Sie senden, ob sie wollen oder nicht. Aber was ankommt, bestimmt der Empfänger mit.

Deshalb ändert sich die Bedeutung eines Bauwerks im Lauf der Zeit, ohne dass sich ein Stein bewegt. Ein Siedlungsbau der 1920er Jahre war ein soziales Versprechen, später ein Sanierungsfall, heute ein begehrtes Denkmal. Gleiche Mauern, andere Wirklichkeit. In der Architektur gibt es keine Wahrheit, nur Wirklichkeit, und die entsteht jedes Mal neu, im Kopf dessen, der davorsteht.

Dasselbe Bauteil kann das eine Mal Strenge bedeuten und das andere Mal Schutz, je nachdem, wer davorsteht und was er erwartet. Du legst die Wirkung an. Ausgelegt wird sie von anderen.

Ein Gebäude hat keine Meinung. Es hat eine Wirkung, und die entsteht erst in dem, der es erlebt.

Warum diese Unterscheidung für Dich zählt

Wer glaubt, das Gebäude selbst trage die Politik, hat zwei schlechte Auswege.

Der erste ist der Rückzug: bloß keine Form wählen, die sich aufladen lässt, lieber das Neutrale, das Unverfängliche, das von keiner Seite Angriffsfläche bietet. Das ist derselbe Reflex, den ich in „Hauptsache haftungsfrei” beschrieben habe, nur von der Haftung auf die Bedeutung übertragen. Und er kostet Dich genauso Deine Gestaltung.

Der zweite Ausweg ist der Stellvertreterkrieg: Du streitest über Dachform, Sprosse und Sockel, als ginge es dabei um Grundsätzliches, und übersiehst, dass die eigentliche Frage darin untergeht: Wie wollen wir hier leben?

Beide Wege führen Dich aus Deiner Rolle heraus. Deine Aufgabe ist nicht, im Namen eines Bauwerks Partei zu ergreifen. Sie ist, zwischen Menschen mit verschiedenen Interessen etwas zu bauen, das für alle trägt.

Diese Trennung nimmt Druck aus Deiner Arbeit. Du musst nicht jede Form daraufhin abklopfen, welches Lager sie bedienen könnte. Du kannst die Lösung wählen, die zum Ort, zur Nutzung und zum Bauherrn passt, und die Deutung denen überlassen, die sie ohnehin selbst vornehmen. Deine Verantwortung liegt bei der Qualität der Entscheidung, nicht bei ihrer politischen Lesart.

Friedvoller Krieger, kein Kämpfer

Ich mag den Beruf, weil er genau das verlangt: in unruhigen Zeiten für Ruhe und Klarheit zu sorgen. Nach dem Warum hinter einer Forderung zu fragen, statt die Forderung nur abzuwehren. Nach Kompromissen, Lösungen und Synergien zu suchen. Es ist derselbe Hebel wie in „Wer fragt, der führt”, nur auf einer größeren Bühne.

Architektinnen und Architekten sind in meinem Verständnis keine Kämpfer. Wenn überhaupt, dann friedvolle Krieger: Sie setzen Grenzen, aber achtsam, und prüfen jede Grenze daraufhin, ob sie berechtigt ist.

Denn Architektur entsteht aus dem Zusammenspiel von Achtung und Verantwortung. Daraus leiten sich Grenzen ab, und daraus leitet sich Toleranz ab. Wo die Rechte Dritter berührt werden, braucht es Regeln, Verfahren und Hierarchien, maßvoll, aber verbindlich. Der Rest ist ein freier Prozess zwischen Respekt und Sicherheit. Das ist kein Widerspruch zur These, sondern ihre Kehrseite: Gerade weil das Gebäude selbst nichts entscheidet, müssen die Menschen es umso sorgfältiger tun.

Die Verantwortung liegt bei der Sichtweise

Wir sind dafür verantwortlich, mit welcher Sichtweise wir auf unsere Räume schauen. Das ist die unbequeme Seite dieser These. Wenn das Bauwerk keine Haltung hat, kann sich auch niemand hinter ihm verstecken. Nicht der Kritiker, der ein Haus für das verantwortlich macht, was Menschen damit gemeint haben. Und nicht der Planer, der die eigene Entscheidung als Sachzwang ausgibt, den die Architektur so vorgebe. Es gibt kein „die Architektur will”. Es gibt nur: Menschen wollen, und die Architektur zeigt, was dabei herausgekommen ist.

Die Frage nach der Baukultur wird damit nicht kleiner, sie wird ehrlicher. Es geht nicht um alt gegen neu, nicht um Nostalgie gegen Fortschritt. Es geht darum, wie wir leben wollen. Diese Frage gehört auf den Tisch, offen ausgetragen, von Menschen, die zu ihren Überzeugungen stehen. Nicht an die Fassade delegiert.

Der Raum, in dem gestritten werden darf

Architektur ist nicht politisch. Sie ist der Ort, an dem politische, verschiedene, oft uneinige Menschen zusammen etwas schaffen müssen, das trägt: für die, die es bezahlen, für die, die es nutzen, und für die, die nach uns kommen.

Deine Aufgabe in diesem Bild ist nicht, die richtige Seite zu wählen. Sie ist, den Raum zu schaffen, in dem aus vielen Meinungen ein Bauwerk wird, das selbst keine braucht.